Julia Winter, dr. Fuchs Personalberatung KG

Julia Winter, Recruiting Manager SAP bei der dr. Fuchs Personalberatung KG

Mehr KI – mehr Zweifel

KI im Recruiting funktioniert besser mit dem menschlichen Maß!

Eine Studie beleuchtet Chancen und Risiken für die Candidate Experience im Zeitalter von KI und neuen Tools im Recruiting. Die Quintessenz ist – für erfahrene Recruiter – wenig überraschend: KI im Recruiting funktioniert besser mit dem menschlichen Maß!  

Künstliche Intelligenz (KI) gilt als Schlüsseltechnologie im Personalwesen – vom Chatbot bis zum Matching-Algorithmus. Doch wie bewerten Bewerbende den Einsatz von KI im Recruiting? Eine repräsentative Untersuchung der IU Internationalen Hochschule liefert Antworten: Das Bild ist zwiespältig und von Skepsis geprägt.

Zwischen Hoffnung und Ablehnung

Mehr als 64 % der Befragten stehen dem Einsatz von KI im Bewerbungsprozess kritisch gegenüber. Vor allem die Unpersönlichkeit wird als größter Nachteil empfunden: Bewerbende befürchten den Verlust von Sympathie, Menschlichkeit und Wertschätzung. Fast die Hälfte meint sogar, KI verschlechtere den Bewerbungsablauf für sie. Dennoch erkennen einige Befragte Chancen: Rund ein Drittel sieht in KI ein Mittel zu mehr Chancengleichheit – etwa durch die Vermeidung von Diskriminierungen aufgrund von Alter, Herkunft oder Geschlecht. Ebenso verbinden viele Geschwindigkeit und Effizienz mit der Technologie.

Vertrauen in Algorithmen? Fehlanzeige

Fast zwei Drittel der Studienteilnehmenden vertrauen KI-gestützten Entscheidungen nicht. Über 70 % fordern, dass Menschen weiterhin jeden Prozessschritt überwachen und die finale Entscheidung treffen. Besonders in den sensiblen Phasen des Auswahlverfahrens – etwa bei Bewerbungsgesprächen oder Assessment-Centern – ist die Ablehnung besonders hoch. Diese Skepsis basiert nicht nur auf Emotionen. Befragte äußerten konkrete Sorgen:

  • Unklarheit über Datenschutz (39,8 %),
  • Fehleranfälligkeit von Algorithmen (52,1 %),
  • mögliche Verzerrungen und Stereotypen (47,2 %).

Bedeutung von Transparenz und Ehrlichkeit

Unabhängig von KI verdeutlicht die Studie, was Bewerbende besonders wichtig ist: Angaben zu Gehalt (73 %), Zusatzleistungen (53 %) und Unternehmenskultur (42 %). Werte wie Ehrlichkeit (51 %), wertschätzender Umgang (48 %) und persönlicher Kontakt (38 %) spielen eine entscheidende Rolle für eine positive Candidate Experience. Für Unternehmen heißt das: KI kann Prozesse unterstützen – sie darf aber den menschlichen Faktor nicht ersetzen. Persönliche Ansprechpartner:innen und offene Kommunikation über den Einsatz von Technologien sind zentrale Hebel, um Vertrauen aufzubauen.

Eine KI kann vieles. Nur keinen Kandidaten an die Hand nehmen…

Auch im SAP Umfeld ist der Human Touch immer noch ein Wesentlicher. Zwar sind die Kandidaten schon per se innovationsoffen/ -bereit, aber in der Vergangenheit wurde man mitunter doch sehr „hofiert“ und gute Recruiter – egal ob intern oder extern – nehmen die Kandidaten an die Hand, fast schon im wörtlichen Sinn. Das heißt man überbrückt bspw. Kommunikationpausen, erläutert Überlegungen, klärt noch offene Punkte, oder „vermittelt" zwischen den Parteien. Diese Art von Beziehung, die hier entsteht, kann eine KI (bislang) noch nicht ersetzen. Die Erwartung auf Kandidatenseite ist (noch) eine andere, zumindest in der DACH-Region.

Blick nach vorn: Mehr KI, mehr Zweifel

Rund zwei Drittel der Befragten rechnen mit einem wachsenden Einsatz von KI im Recruiting. Doch nur ein Drittel sieht diese Entwicklung positiv. Maßnahmen, die Skepsis abmildern könnten, sind:

  • persönliche Ansprechpersonen während des Bewerbungsprozesses (61 %),
  • transparente Information über den Einsatz von KI (54 %),
  • Entscheidungsfreiheit über die Speicherung persönlicher Daten (37 %).

„Künstliche Intelligenz ist die Zukunft – auch im Personalbereich. Ziel muss es sein, Chancen bewusst zu nutzen und Risiken zu reduzieren“, sagt Prof. Dr.ⁱ Michaela Moser, Mitautorin der Studie.

 

Fazit: Balance finden

Für IT- und SAP-Entscheider:innen, HR-Verantwortliche und Implementierungspartner ergibt sich ein klares Bild: KI bietet Potenzial, Bewerbungsprozesse schneller und objektiver zu gestalten. Doch ohne menschliche Begleitung und Transparenz droht der Verlust an Vertrauen und Candidate Experience.

Wer die Technologie erfolgreich einsetzen will, muss die richtige Balance finden – zwischen Algorithmus und Empathie.