Digitalisierungsdruck verstärkt Fachkräftemangel
SAP-Systeme bilden für viele Unternehmen das informationstechnische Rückgrat sämtlicher Geschäftsprozesse. Mit zunehmender Digitalisierung der Wirtschaft steigt ihre Bedeutung kontinuierlich. Der aktuelle Transformationsstau auf dem Weg zu SAP S/4HANA verstärkt den Bedarf nach qualifizierten Experten zusätzlich massiv. "Klassische Marktgesetze bestimmen auch hier den Preis", erklärt Winter die Gehaltsentwicklung. "Da die Schere zwischen Angebot und Nachfrage im SAP-Beratungssegment immer weiter auseinandergeht, steigen die Gehälter entsprechend stark." Eine Erhebung der Jobplattform Freelancermap bestätigt diesen Trend: 39 Prozent der freiberuflichen SAP-Experten planen für 2025 Stundensatzerhöhungen. In Beratungsunternehmen zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab.
Realistische Gehaltserwartungen: Der 80.000-Euro-Experte existiert nicht
Wer als Unternehmen nach dem erfahrenen SAP-Berater für 80.000 Euro sucht, wird enttäuscht werden. "Den erfahrenen Fachmann, der Prozesse beschreibt, Lösungen auch in Verbindung mit Non-SAP-Systemen designt, ganze Lösungsarchitekturen baut und mit 80.000 Euro nach Hause geht, gibt es definitiv nicht", stellt Winter klar. SAP-Beratungsgehälter variieren je nach Einsatzgebiet, Branche und Region stark. Während viele Unternehmen heute kostensensitiver agieren und Schwierigkeiten haben, SAP-Experten in ihren Gehaltsgefügen abzubilden, haben sich SAP-Gehälter schneller entwickelt als die allgemeinen Gehaltsbänder. Gleichzeitig führte die mediale Thematisierung des Fachkräftemangels bei manchen Junior-Beratern zu überhöhten Gehaltserwartungen. Die wirtschaftliche Lage der letzten Monate brachte jedoch eine Marktberuhigung mit sich: Projekte wurden verschoben oder gestoppt, was zu einer "Abkühlung eines überhitzten Kandidatenmarktes" führte.
Junior-Berater: Einstieg bei 50.000 Euro, schneller Anstieg garantiert
Junior-SAP-Consultants starten mit Einstiegsgehältern um 50.000 Euro – teilweise auch darüber. Wer jedoch auf ein Schnäppchen hofft, wird enttäuscht: Bereits nach vier bis fünf Jahren Berufserfahrung rufen diese Berater Gehälter zwischen 80.000 und 100.000 Euro auf, obwohl sie sich in dieser Zeit weder fachlich noch persönlich zu Alleskönnen entwickeln konnten. "Berater, die dem geforderten Profil gerecht werden und gehaltlich im grünen Bereich liegen, sind so gefragt, dass sie hundertfach angesprochen werden", beschreibt Winter die Marktlage. Das führe unweigerlich zu den hohen Gehältern.
Optimaler Mix: Senior-Expertise mit Junior-Power
Erfolgreiche SAP-Transformationsprojekte benötigen den richtigen Mix aus Erfahrung und Nachwuchs. Sehr erfahrene Berater sorgen für reibungslose Abläufe und reduzieren Fehlerquellen in der Planung. Junior-Berater unterstützen die operative Umsetzung und sammeln dabei eigene Erfahrungen. Besonders kleine und mittelständische Unternehmen profitieren von dieser Strategie. Sie können rechtzeitig Nachfolgeproblemen im SAP-Team vorbeugen und den Wissenstransfer von langjährigen Mitarbeitenden an den Nachwuchs organisieren. Zudem ist es günstiger, Experten intern aufzubauen, als diese extern zu rekrutieren.
Gefragte Skills: Spezialisierung und Soft Skills entscheiden
Erfolgreiche Senior-Berater zeichnen sich durch konsequente Weiterentwicklung ihrer Kompetenzen aus – sowohl fachlich als auch im Projekt- und Organisationsmanagement. Spezialisierung in Nischen wie Instandhaltung oder Customer Activity Repository (SAP CAR) kann wertvoll sein, schränkt thematisch jedoch ein. Aktuell sind Experten mit spezifischem Nischenwissen besonders nachgefragt. Entscheidend sind umfassende Soft Skills: Kommunikationsstärke im fachlichen Austausch sowie ausgeprägte Fähigkeiten im Eskalations- und Konfliktmanagement. Da Transformationsprojekte die gesamte Organisation betreffen, sind diese Kompetenzen unverzichtbar – Konflikte sind eher Regel als Ausnahme.
Gehaltsverhandlungen: Der erste Schuss muss sitzen
Bei der Vergütungsgestaltung existieren vielfältige Modelle – von hohem Fixum mit geringem variablen Anteil bis zu 30 Prozent variabler Vergütung. Im Vertrieb liegt der variable Anteil oft noch höher. Die aktuelle Tendenz geht zu höheren Fix-Gehältern. "Geld ist kein reiner Hygiene-Faktor", betont Winter. In Gesprächen stehen angemessene Gehälter, Firmenwagen und flexible Arbeitsplatzgestaltung im Vordergrund – weniger Obstkörbe oder Fitness-Abos. Bei Gehaltsverhandlungen gilt: "Der erste Schuss muss sitzen." Weder zu hoch noch zu niedrig ansetzen, da Nachverhandlungen problematisch sind. Eine solide Kalkulation aller Komponenten (Fixum, Bonus, Firmenwagen, Urlaubstage, Altersvorsorge etc.) ist essentiell.
Zwischen Wunsch und Wirklichkeit vermitteln
Personalexperten sehen ihre Rolle primär darin, zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu vermitteln. Unternehmen müssen ihre Erwartungen an Marktgegebenheiten anpassen und kalkulieren, was das Warten auf den perfekten Kandidaten kostet. Kandidaten sollten nicht ausschließlich auf maximale Gehaltssteigerungen pochen. Im Sinne vernünftiger Karriereplanung kann es sinnvoll sein, für verantwortungsvolle Rollen auf große Gehaltssprünge zu verzichten. Langfristig zahlt sich aus, wenn SAP-Spezialisten auf Angebote setzen, die Wissen ausbauen, Kompetenzen weiterentwickeln und das eigene Profil schärfen.
Die Marktlage bleibt angespannt, auch wenn die jüngste wirtschaftliche Entwicklung für eine gewisse Beruhigung sorgte. SAP-Experten bleiben gefragte Spezialisten – und entsprechend gut bezahlt.
