SAP-Arbeitsmarkt · Expertise · KI-Wandel
Karriere machen „weil ich SAP kann?“
Das reicht nicht mehr
Warum fachspezifische Kompetenz allein keine Karrieresicherheit mehr schafft – und was den Unterschied macht.
Einstieg in den Arbeitsmarkt, Rollenbilder, die tägliche Arbeit von Consultants und Entwicklern, ja selbst die Organisation der IT-Abteilung oder gleich das ganze Unternehmen: KI hat den SAP-Arbeitsmarkt verändert. Stärker und schneller, als viele erwartet haben. Dabei gibt es zwei unterschiedliche Narrative. Die erste: KI vernichtet Stellen, drückt Gehälter, macht Einsteiger überflüssig und sorgt dafür, dass der Markt einbricht. Die zweite postuliert quasi das Gegenteil: Keine Panik – SAP-Experten werden immer gebraucht, gerade die Hälfte der Unternehmen hat nach S/4HANA migriert und nach der Transformation geht die Arbeit erst richtig los. Beide Narrative vereinfachen – genau darum geht es in diesem Artikel.
KI als Störfaktor der Wahrnehmung
Wer diese Narrative für bare Münze nimmt, läuft Gefahr, Entscheidungen auf Basis einer Fehlannahme zu treffen – in der Personalplanung genauso wie für die eigene Karriere. Denn im SAP-Kontext vollzieht sich gerade eine Verschiebung, die weit grundlegender ist als ein bloßer technologischer Trend. Es verändert sich das Profil dessen, was Qualifikation bedeutet.
Warum KI den Blick auf „Können“ verstellt
Wer im SAP-Umfeld Stellen besetzt oder sich selbst positioniert, steht vor einer Unterscheidung, die auf den ersten Blick trivial wirkt – auf den zweiten aber über Projekterfolg oder -misserfolg entscheiden kann: Was genau meinen wir eigentlich, wenn wir von SAP-Expertise sprechen?
Die Antwort ist selten so eindeutig, wie Stellenprofile bzw. Lebensläufe das suggerieren. Denn hinter dem Begriff verbergen sich mindestens zwei grundlegend verschiedene Kompetenztypen – die in der Praxis oft unterschiedlich verteilt sind, unterschiedlich entwickelt werden müssen und sich nur sehr unterschiedlich durch (SAP-)Technologie substituieren lassen.
Fachspezifische Kompetenz: das sichtbare Handwerk
Die fachspezifische Kompetenz ist die greifbarere: Technisches bzw. funktionales Wissen zu SAP-Produkten oder -Modulen bzw. Prozessen – das ist Handwerk, das lässt sich lernen, das lässt sich in Zertifizierungen ausdrücken und dann als tiefe Kenntnis von FI/CO, SD, MM, HCM, S/4HANA-Integrations-Know-how, BTP oder SuccessFactors messen und bewerten. Diese Kompetenz bildet die Voraussetzung dafür, dass man überhaupt in der Lage ist, mit Systemen, Teams und Prozessen sinnvoll zu arbeiten.
Ebene 1 Fachspezifische Kompetenz
| Ebene 2 Kontextbezogene Erfahrung
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Kontextbezogene Erfahrung: das unsichtbare Kapital
Der zweite Kompetenztyp ist schwerer zu greifen – und deshalb umso häufiger unterschätzt. Kontextbezogene Erfahrung ist das, was ein SAP-Berater oder -Spezialist aus gelebten Projekten mitbringt: das Verständnis dafür, warum ein Prozess in einer Branche so funktioniert wie er funktioniert; die Fähigkeit, einen Rollout auch dann zu stabilisieren, wenn der Projektplan längst Makulatur ist; das Gespür dafür, welche Stakeholder-Dynamiken eine Migration zum Scheitern bringen können, noch bevor ein einziger Customizing-Parameter gesetzt wird.
Diese Erfahrung ist nicht lernbar im klassischen Sinne. Sie entsteht, wenn man über Jahre hinweg ein Projekt selbst „gemacht“ hat – in echten Projekten, mit echten Fehlern und echten Konsequenzen. Letztlich ist es das, was den Senior-Berater vom Junior unterscheidet. Und dabei zählt nicht die Zahl der Zertifikate, sondern die sedimentierte Urteilsfähigkeit.
"Die KI nutzen kann und macht fast jeder – aber die Kunst liegt darin, zu nutzen, zu bewerten und die eigene Handschrift reinzubringen."
Bernd Böckenhoff · Host „Geschnitten oder am Stück – Der SAP-Podcast“
Der KI-Effekt kann den Blick trüben
Generative KI-Systeme können heute auf Anhieb ABAP-Code generieren, Konfigurationsvorschläge für SAP-Module liefern, Projektdokumentationen formulieren und Integrationsfragen beantworten. Für Außenstehende – und verblüffend oft für Entscheider im Recruiting – erweckt das den Eindruck, dass fachspezifische Kompetenz leicht replizierbar sei oder gar obsolet. Das ist ein Trugschluss. KI kann Wissen verfügbar machen – aber sie kann nicht beurteilen, ob dieses Wissen in einem konkreten Unternehmenskontext tatsächlich anwendbar ist. Sie kann einen Customizing-Pfad vorschlagen, aber nicht einschätzen, ob dieser Pfad in einer gewachsenen Systemlandschaft mit 15-jähriger Eigenentwicklungshistorie sinnvoll ist.
Jedes Unternehmen ist, wie es ist. SAP ist kein Standardprodukt. Es ist das digitale Abbild eines Unternehmens – geformt durch Jahre von Entscheidungen, individuellen Konfigurationen und Anpassungen, die tief in Prozesse eingewachsen sind. Ein kommunales Unternehmen wie die BHG Hanau mit 22 Tochtergesellschaften braucht andere SAP-Kompetenzen als ein Pharmaunternehmen, das jede Systemänderung validieren und dokumentieren muss. Auf dem Papier steht bei beiden: „SAP FI/CO, MM, mehrjährige Erfahrung.“ Der Unterschied liegt im Kontext. Und KI löst diesen Kontextmangel nicht – sie verschärft ihn.
"Bevor ich Prozesse modelliere, muss ich verstehen: Was ist das Geschäftsmodell?
Prof. Hans Scherhun · Gast im Podcast „Geschnitten oder am Stück“
Gleichzeitig hat die Verfügbarkeit von KI-Tools den Markt mit Profilen überschwemmt, die sich KI-Kompetenz auf die Fahne schreiben – ohne dass klar wäre, ob dahinter tiefes Fachverständnis oder oberflächliches Prompt-Engineering steht. Das Ergebnis: Fachkompetenz und kontextuelle Erfahrung werden noch schwerer auseinanderzuhalten als ohnehin schon.
"Zeig uns, welche Tools du nutzt – und wie. Und wo du sie hinterfragst.
Dr. Anna Gajda · SAP Signavio · Podcast „Geschnitten oder am Stück“, Staffel 5
Was das für den Arbeitsmarkt bedeutet
Die Konsequenzen dieser Verwechslung sind konkret. Auf der Unternehmensseite werden Stellen mit Kandidaten besetzt, die technisch kompetent klingen – aber keine Erfahrung mit den spezifischen Branchenprozessen oder Projektdynamiken mitbringen, die für den Erfolg entscheidend wären. Auf der Kandidatenseite investieren Experten in Tool-Zertifizierungen, die in drei Jahren womöglich obsolet sind – während die kontextuellen Fähigkeiten, die langfristig schützen, vernachlässigt werden.
Der strukturelle Druck auf klassische Senior-Rollen kommt nicht primär davon, dass KI diese Arbeit übernimmt. Er kommt davon, dass der Markt zunehmend Mühe hat, den Wert kontextbezogener Erfahrung zu monetarisieren – weil HR und Fachabteilung diesen nur schwer benennen und damit auch nicht gezielt suchen können. Das ist die eigentliche Gefahr.
Handlungsempfehlungen
Für SAP-Experten Kontextkompetenz sichtbar machen
| Für Unternehmen & HR Anforderungsprofile schärfen
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Fazit
Die Unterscheidung zwischen fachspezifischer Kompetenz und kontextbezogener Erfahrung ist keine akademische – sie ist eine operative. Wer SAP-Projekte erfolgreich gestalten will, braucht beides. Aber er muss wissen, wo welche Kompetenz gerade der Engpass ist.
KI verändert die erste Ebene erheblich: Wissen wird verfügbarer, bestimmte Routineaufgaben werden automatisierbar. Die zweite Ebene – das Urteilsvermögen, das aus der „gemachten“ Projekterfahrung entsteht – bleibt vorerst das, was sich nicht simulieren lässt. Der Markt, der das versteht, trifft bessere Besetzungsentscheidungen. Der Experte, der das versteht, investiert in das Richtige.
